Meine ersten abstrakten (damals gespachtelten) „Risse“-Bilder mit strukturierter Oberfläche entstanden 1968-1975. Nach einer längeren Beschäftigung mit surrealistischer und realistischer Malerei kehrte ich Mitte der 80-er Jahre zur abstrakten Darstellungsweise zurück:
Arbeiten auf Leinwand. Mit Spachtelmasse und Acrylfarbe werden verschiedene Schichten übereinandergemalt, hineingekratzt, erhabene Linien gesetzt, teilweise mit Schleifmaschine Abschleifen der Strukturen, Zerreissen und Aufbrechen der Leinwand. Am Anfang wurden meine Bilder mit der Schleifmaschine plan geschliffen und durch das Übereinanderlagern verschiedener Schichten entstanden völlig neue Strukturen. Danach blieben die Spachtelschichten erhaben und dienen jetzt als reine Farbträger.
Letztendlich ist mir wichtig, eine Spannung von Farbe und Struktur zu erzeugen. Mich interessieren rissige Oberflächen und nicht das Glatte. Dabei übt die Ästhetik des Vergänglichen einen großen Reiz aus. Abgewetztes, Verrostetes, Steinreste in griechischen Marmorbrüchen aber auch im ersten Moment nichtssagende einfache Strukturen liefern die Grundlage zu meiner Malerei.
Regelmäßige Aufenthalte (Licht und Farbe) in Griechenland seit 1977. Ateliergespräche bei Heinz Kreutz seit 2002.
Maler und Stilrichtungen, die für mich richtungsweisend sind: Tapies, Alberto Burri, Emil Schumacher, Heinz Kreutz die monochrome und auch die Farbfeldmalerei von Mark Rothko.
Die Frage oder besser die Struktur in der Kunst ist,
Dinge, die überflüssig sind wegzulassen,
sich dessen ständig bewusst zu sein und zu überprüfen.
Den Blick frei zu machen von allem Nebel für das Wesentliche.
Man muss herausfinden - für sich -
was wirklich eine Bedeutung bzw.
in aller Freiheit Bestand hat.
Harald Burger, Mai 2011
Struktur und Farbe hat Harald Burger seine Ausstellung überschrieben und damit sehr genau die beiden Gestaltungselemente benannt, auf deren reiches Zusammenspiel sich der Betrachter einlassen muss, sucht er dem Gehalt der Gemälde näher zu kommen. Ich nenne sie "Gemälde", räume aber ein, dass diese Bezeichnung nicht ganz unproblematisch ist, geht der Künstler doch in seinen jüngsten Werken sichtlich über die traditionelle Zweidimensionalität der Malerei hinaus. Ein deutlich wahrnehmbares Oberflächenrelief zeichnet die Arbeiten aus und muss als ein wesentlicher Bestandteil ihrer spezifischen Ausdruckskraft beschrieben werden. (Denn) Bei der Konzentration auf das Detail wird ein farblich reich gestaltetes, räumliches Gefüge ganz unmittelbar erlebbar.
Harald Burger selbst bezeichnet seine Arbeiten denn auch treffender als "Strukturbilder". Diese Strukturbilder beschäftigen ihn nun schon seit mehr als 15 Jahren (1989), geleitet von dem Bestreben, aus der Variation von Farbe oder Struktur - oder beidem zusammen - immer neue Ausdrucksmöglichkeiten, neue Wirkungen zu erschließen. Am Anfang entstanden noch etwas andere Bilder als die, die Sie hier ausgestellt sehen, doch kann man eine klare künstlerische Entwicklung erkennen. Zunächst verfolgte der Künstler das Zusammenspiel von Farben und Strukturen, wie es sich durch das Abschleifen übereinander gelegter Farb-schichten ergibt - analog dem Verfahren der "Decollage" bei den so genannten Abrissbildern. Diese Gestaltungsmöglichkeiten genügten ihm bald nicht mehr. Er begann den Bildträger durch das Auflegen reliefhafter Strukturen aus Spachtelmasse zu beleben und zu erweitern. Die Oberfläche schliff er nur noch mit großer Zurückhaltung ab.
In seinen jüngsten Werken fügt Harald Burger neue Materialien ein, Schnüre oder Gaze etwa. Und er unterzieht den Bildträger selbst einem handfesten, fast gewalttätig anmutenden Gestaltungsprozess. Der Bildträger - meist Leinen oder anderer Stoff, überformt mit Spachtelmasse - wird dabei gerollt, geknickt und gezogen: Er bricht und reißt. Die Oberfläche kann darüber hinaus mit unterschiedlichsten Werkzeugen aufgerissen sein.
Den derart behandelten Bildträger unterwirft der Künstler sodann einer intensiven farblichen Gestaltung. Acrylfarbe wird lasierend aufgetragen, wobei er diese in mehreren Schichten übereinander legt, aber auch teilweise wieder zurücknimmt. Zu diesem Zweck sprüht er Wasser über das senkrecht oder schräg gestellte Bild, wodurch die nun stark verdünnte Farbe partienweise abwärts läuft. Zwischen den plastischen Strukturen der Oberfläche sammeln sich tropfenförmige Farbmischungen; Auswaschungen und Laufspuren bleiben sichtbar. Auch dringt die Farbe mit unterschiedlicher Intensität in die Ritzen und Spalten der Bildoberfläche ein. Das Ergebnis fasziniert auf besondere Weise: Aus jeder Blickrichtung und Distanz kann man etwas Neues entdecken, das zum Nachspüren einlädt. Gleichzeitig aber bleibt das Ganze doch durch ein klares, spannungsreich ausbalanciertes Ordnungsmuster zusammengefasst.
In Harald Burgers jüngeren Werken dominieren kräftige Farben, ein starkes Rot, ein leuchtendes Blau und vor allem verschiedene Gelb- Rot- und Orange- Töne. Sie sprechen durch ihre Energie vermittelnde Leuchtkraft ganz unmittelbar an. Mal finden die Klänge harmonisch zusammen, ein anderes Mal kontrastieren sie mit Spuren tiefer liegender Farbschichten, die an eine andere farbliche „Vergangenheit" des Werkes erinnern. Aber auch Kompositionen aus sanften, erdigen, eher melancholische Stimmungen evozierenden Farbtönungen tauchen im Werk Harald Burgers auf, früher mehr als heute, was er mit seiner persönlichen Lebenssituationen in Verbindung bringt.
Die vielfältige Ausdruckskraft seiner ganz in der Abstraktion verbleibenden Kompositionen wird vielleicht am deutlichsten, wenn man sich mehrere, einander verwandte Bilder in vergleichender Betrachtung vor Augen führt. Man folgt damit einem Stück des Weges, den der Künstler gegangen ist, der zumeist an mehreren Werken gleichzeitig arbeitet.
Der Eindruck, dass das einzelne Werk nur ein Ausschnitt ist, wird noch dadurch befördert, dass es keine feste Begrenzung aufweist. Der Bildkörper ist sichtlich ausgeschnitten, nur für die Präsentation auf einen Karton montiert. Andere sind auf eine Trägerleinwand geklebt. Den seriellen Charakter seiner Werke markiert Harald Burger auch durch die Bildtitel, die diese meist ausdrücklich als Teil einer Reihe zu erkennen geben.
Dieses gestalterische Variieren eines Grundmusters kennt man von vielen Künstlern der Moderne, ja schon von dem Impressionisten Monet, der die unterschiedlichen Tageszeiten oder Lichtstimmungen konsequent an einem Motiv studierte.
Eine besondere Ausdrucksqualität besitzen die Werken noch durch eine bereits angesprochene Eigenschaft: Durch die gebrochene, manchmal fast malträtiert wirkende Erscheinung des Bildträgers, der Risse, ausgebrochene Partien oder andere Verletzungen, aber auch "Reparaturen" erkennen lässt und darin die Empfindlichkeit des Materiellen, ja Zeitlichkeit oder Endlichkeit sichtbar macht. Dies birgt zugleich ganz eigene ästhetische Reize. Der Betrachter mag sie mit persönlichen Erfahrungen etwa aus den jahreszeitlichen Veränderungen der Natur in Verbindung bringen. Die Ordnung der Natur ist jedenfalls ein Assoziationsfeld, zu dem die von Harald Burger gewählten Bildtitel anregen. Er nennt seine Kompositionen Erd- oder Naturzeichen, Riss oder Erdgewand, - die gebrochenen Kreisformen - rätselhafter bleibend - Struktur Ladakh. Diese Serientitel verraten die Inspirationsquelle des Künstlers, weisen Richtungen und bleiben zugleich so abstrakt, dass sie die Phantasie des Betrachtes nicht einengen.
Die Arbeiten sind ein neues Beispiel für die Unendlichkeit der Ausdrucksmöglichkeiten, die Anfang des 20. Jahrhunderts Künstler wie Kandinsky, Mondrian oder Malewitsch mit ihrem Weg in die abstrakte Malerei auf unterschiedliche Weise, expressiv oder geometrisch gebändigt, eröffneten. Auf der expressiven Linie steht die informelle Malerei, die Künstler wie Pollock und Tapies prägten. In einer von Spontanität geprägten Schaffensweise suchten diese über den Intellekt nicht erreichbare Zusammenhänge und Empfindungen offen zulegen. Auf dem intuitiven gestalterischen Vermögen des Künstlers basiert daher die Ausdruckskraft dieser Bilder.
In dieser Tradition sieht sich auch Harald Burger, der dabei seinen eigenen Weg in einer Verbindung aus Ordnung, Eingriff und Zufall gefunden hat. Das er die eben beschriebene, künstlerische Gestaltungskraft besitzt, lassen seine so eindrucksstarken, in sich reichen, doch geordneten und nie beliebig erscheinenden Werke erkennen. Sie zeichnet ein vielfältiges Zusammenspiel der Eigenschaften des Materials und des menschlichen Willens aus; sie erscheinen weder zufällig, noch sind sie exakt geplant. Man möchte diesem Wechselspiel nachforschen. Dabei wird der Betrachter in Abhängigkeit von seinen persönlichen Erfahrungen, vielleicht auch von seiner augenblicklichen Stimmung, von ganz unterschiedlichen Qualitäten der Kunstwerke gefesselt sein. Ich komme in den Bereich der subjektiven Wahrnehmung und Erlebniswelt, den auszuloten, ich gern Ihrer eigenen Betrachtung überlassen möchte.
Dr. Annette Kanzenbach,
Landesmuseum Emden